«Immer wenn ein bedeutendes Werk geschaffen wurde, machten die Universitätsprofessoren eine Theorie, die dessen Form konsekrierte. Von Unfähigen wird sie dann weiter ausgefüllt. Auch die tragende Form wird immer illegal geboren.»[ Aus dem Nachlass, SLA ]

Ludwig Hohl - Werk

Ein eigenwilliges literarisches Werk

Von Ludwig Hohl wurden bisher elf Werke veröffentlicht – sechs zu Lebzeiten, fünf posthum. Zählt man aber alle Hohlschen Publikationen, die je erschienen sind, zusammen, kommt man auf über 30 Titel. Bei seinen beiden Hauptwerken „Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung" und „Von den hereinbrechenden Rändern" bzw. „Nachnotizen" ist es nämlich immer wieder zu Voraus- und Nachpublikationen einzelner Teile gekommen. Wie so manches in seinem Leben, erweist sich also auch die Editionsgeschichte seiner Werke bei Ludwig Hohl als höchst komplex und äusserst vielschichtig.

Ludwig Hohls erhalten gebliebenen Schriften beginnen mit einem Kindheits- und einem Jugendtagebuch sowie einigen Briefen und Schulaufsätzen aus dieser frühesten Zeit. Später folgen umfangreiche, autobiographisch durchsetzte „Epische Schriften" bzw. „Grundschriften", aus denen Hohl für sein weiteres Werk schöpfte (30 Hefte teilweise veröffentlicht in Aus der Tiefsee , Nächtlicher Weg und zuletzt Bergfahrt ). In seinem Schwanken zwischen Autobiographie, Literatur und Philosophie neigte Hohl mit der Zeit immer stärker zum Denkerisch-Dichterischen, und so entstanden nacheinander Nuancen und Details , Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung und Von den hereinbrechenden Rändern/Nachnotizen .

Seit seinen Anfängen als Schriftsteller publizierte Ludwig Hohl häufig in Zeitungen und Zeitschriften, gefördert von Redakteuren wie Max Rychner (Neue Schweizer Rundschau, Der Bund, Die Tat), Otto Kleiber (National-Zeitung), Eduard Korrodi (Neue Zürcher Zeitung) oder Manuel Gasser (Die Weltwoche, DU). Im Inventar des Nachlasses von Hohl im SLA figurieren die publizistischen Veröffentlichungen namentlich unter 'Kleine Prosa' (A-4-b bis m) sowie 'Essayistisches' (A-4-n bis ff).

Drei frühe Veröffentlichungen konnten nur im Selbstverlag erfolgen (Gedichte , 1925; Nuancen und Details III, 1942; Vom Arbeiten, 1943). Der erste Verlag, der Hohl publizierte, war der Verlag Oprecht in Zürich (Nuancen und Details I-II, 1939). Über den Morgarten-Verlag (Nächtlicher Weg, 1943) gelangte Hohl zu dem daraus hervorgegangenen Artemis-Verlag. Dieser veröffentlichte 1944 den ersten Band der Notizen (I-VI). Die Veröffentlichung des zweiten Bandes (VII-XII) zog sich dann aber so sehr in die Länge, dass Hohl schliesslich Klage einreichte. Sein Anwalt, Martin Howald, zog diese bis vor Bundesgericht. Das höchste Gericht des Landes urteilte zugunsten Hohls auf Vertragsbruch und verurteilte Artemis zur Veröffentlichung von 300 Exemplaren des zweiten Bandes (eine Schadenersatzforderung wurde indes abgewiesen). Der Prozess – im Nachlass dokumentiert u.a. durch einen „Bericht über Artemis" (Genf 1949. Hektogr. Reprod. in 100 Ex., 23 S.) – ging über den Fall Hohl hinaus und wurde exemplarisch für die Rechtssprechung in Sachen Autoren- und Verlagsrecht in der Schweiz (zum Rechtsstreit vgl. auch die einschlägigen Passagen in der Dissertation von Jürg Zbinden: "Sternstunden oder verpasste Chancen, Zur Geschichte des Schweizer Buchhandels 1943-1952"; Chronos, Zürich, 1995, S. 189-204). Dass der zweite Band des Hauptwerks – auf dessen Einheitlichkeit Ludwig Hohl vehement insistierte – erst mit zehn Jahren Verspätung erscheinen konnte, hat seiner Rezeption nicht nur in den Augen seines Autors sehr geschadet.
In den 1960er Jahren wurde Ludwig Hohl für kurze Zeit zum Autor des Walter-Verlages (Nuancen und Details I-III, Dass fast alles anders ist ) bevor seine gesamten Schriften im renommierten Suhrkamp Verlag erschienen (ab 1971). Lange Zeit blieb Hohls unbequemes und darum schwer verkäufliches Werk im Programm des Verlags erhalten, dann aber begannen einzelne Titel allmällich auszulaufen, bis im Frühjahr 2012 schliesslich Ludwig Hohls gesamtes Werk vergriffen war. Auf drängen der Ludwig Hohl Stiftung hat sich der Verlag im Frühjahr 2014 zu Neuausgaben in der "Bibliothek" entschlossen. (Ob bei Suhrkamp noch weitere Neuausgaben folgen, entscheidet der Verlag im Frühjahr 2015). Weiterhin vergriffene Titel von Hohl können sich interessierte Leserinnen und Leser auf antiquarischem Weg beschaffen. Zum Beispiel hier.

Genauere Angaben zur Publikationsgeschichte (Stand 2004)

Übersetzungen

Viele Werke von Ludwig Hohl wurden in andere Sprachen übertragen und sind in übersetzter Form weiterhin greifbar. Auf Französisch liegen z.B. vor:

  • Chemin de Nuit [(Nächtlicher Weg), contes, traduit par Philippe Jaccottet, 1979 ; réédition L'Âge d'Homme], 1994
  • Ascension [(Bergfahrt), récit, traduit par Luc de Goustine, Gallimard, collection Du monde entier, 1980; réédition Éditions Attila, 2007],
  • Tous les hommes presque toujours s'imaginent [(Dass fast alles anders ist), traduit par Walter Weideli, Éditions de l'Aire, collection Lettres universelles, 1981],
  • Nuances et Détails [(Nuancen und Details), traduit par Étienne Barilier, Éditions de l'Aire, collection Lettres universelles, 1984],
  • Notes ou De la réconciliation non-prématurée [(Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung), traduit par Étienne Barilier, L'Âge d'Homme, collection Bibliothèque l’Âge d’homme, 1989],
  • Journal d'adolescent [(Jugentdagebuch) traduit par Antonin Moeri, Zoé, 1992],
  • Et une nouvelle terre... [récit extrait de Und eine neue Erde, traduit par Antonin Moeri, postface de Wilfred Schiltknecht, Zoé, collection MiniZoé, n°22, 1996].
  • Impressions [récits extraits de Und eine neue Erde, traduit et présenté par Antonin Moeri, Le Passeur, 1996].
  • Paris 1926. La société de minuit [(Aus der Tiefsee. Paris 1926) traduit par Yann Bernal. Attila, 2012.]

Nächtlicher Weg, Die Notizen und Bergfahrt wurden aber auch ins Italienische sowie teilweise ins Spanische, Englische, Tschechische, Bulgarische, Türkische und zuletzt auch ins Holländische übersetzt.

Vollständige Auflistung aller Übersetzungen im 'Helveticat'

Unveröffentlichtes

Neben den bereits erwähnten "Schulaufsätzen", "Epischen Grundschriften" sowie umfangreichen, unveröffentlichten Notizen aus dem "Grundmanuskript", ungezählten verstreuten Zetteln (1933-1980) und zahlreichen, 2010 in den Ateliers von Hanny Fries neu aufgetauchten Briefen und Typoskripten finden sich im Nachlass von Ludwig Hohl u.a. noch folgende publikationswürdige Handschriften und Typoskripte:

  • „Die seltsame Wendung. Novelle. 2. und letzte, undefinitive [!] Fasg. 1932" (Typoskript, 75 S.),
  • „Die Chronik von Dingy (Die vorletzte Station). Ein Bericht" (Typoskript, 120 S., 1932-1933),
  • „Bericht über einen inneren Aufenthalt" (Typoskript, 86 S., 1941) und
  • „Sprachliches 1940-1960" (verschiedene Typoskripte und über 400 handschriftliche Zettel).

Im Nachlass von Ludwig Hohl findet man auch unveröffentlichte Tonaufzeichnungen sowie Film- und Videomaterial.

Die Werke im Einzelnen

Sofern nicht anders gekennzeichnet, wurden sämtliche untenstehenden Texte Schutzumschlägen von Suhrkamp-Ausgaben entnommen.

Gedichte . Konstanz, im Selbstverlag, bei Oskar Wöhrle, 1925. 78 S.

Hohls frühe Gedichte zeugen von der Heimat- oder Jenseitssehnsucht eines zum Erdenleben Verurteilten, der vergeblich auf Erlösung hofft, und sich schliesslich – voll Trauer und Schmerz – in seine Verdammnis [mehr...] schickt. Dabei strotzen diese Verse von einer forcierten Lichtmetaphorik, in der immer wieder "Er" – der "Erdenherrscher", "Gott", der "Vater" – im Bild der Sonne über allem thront. Von den fast 60 Gedichten in diesem Band, unterteilt in die Abschnitte "Kampf", "Der Dichter", "Liebe", "Die Lieder Gothars" und "Reflexives und neue Gedichte", hat der Dichter selber wohl zurecht bereits vier Jahre später nur noch knapp ein Dutzend gelten lassen – die Hälfte davon "mit Reserve" (vgl. Nachlass SLA, A-3-a-1); laut einer Notiz vom 31. Oktober 1942 waren es zu diesem Zeitpunkt sogar nur noch sechs (SLA, A-3-a-2). Eins von Ihnen lauten (S.14):

 

MEIN ADLER

Ich seh’ im Geiste einen Adler steigen,
Meines Gottes Zeichen wird er sein.
Dieser Adler wird mein Leben zeigen,
Meine Seele kennen ganz allein.
All mein Leiden, meine dunkel Qual,
Trägt er auf in einem Sonnenstrahl!

Alles Leiden und verlorne Ringen,
Das den Erdensöhnen aufgespart,
Wird er glanzverklärt dem Vater bringen,
Der’s in seiner Krone aufbewahrt.
Dunkles Kämpfen ist verloren nicht:
Überstrahlen wird es eine Flut von Licht!

Im Nachlass finden sich weitere unveröffentlichte Gedichte oder Entwürfe, die sich über die Jahre hinziehen. [Text: MR]
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Nuancen und Details. I – III. "Suhrkamp Verlag, Berlin, 2014, 141 Seiten;
zur Bestellung

"Bei der Arbeit hatte ich plötzlich das eindringliche Gefühl, dass man nicht nur vom Ganzen aus das Einzelne finden kann, sondern auch vom Einzelnen aus das Ganze dominieren." Diese Beschreibung induktiven Denkens könnte als Motto über Ludwig Hohls [mehr...] Nuancen und Details stehen. Die Sammlung kurzer Aufzeichnungen über das Leben, die Arbeit, das Schreiben und das Handeln entstand in den dreissiger Jahren in Holland […]. Wie in den parallel dazu entstandenen Notizen versteht Hohl es auch in diesem Band virtuos, gedankliche Vorgänge und Sachverhalte zugleich zu definieren und anschaulich zu illustrieren, ohne ins Fahrwasser des leicht konsumierbaren Aphorismus zu geraten. So wird ein Denken transparent, das sich gängigen Mustern und Zuordnungen strikt verweigert, das auch Widersprüchliches und Fragmentarisches gelten lässt und das in seiner Radikalität und Unbestechlichkeit vorbildhaft geworden ist für eine ganze Generation jüngerer Autoren. [zuklappen]

 

Nächtlicher Weg. Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2014, 97 Seiten;
zur Bestellung

Ludwig Hohl, 1904 geboren, seit 17 Jahren in einem Kellerzimmer in Genf lebend und arbeitend, ist ein bedeutender, ein grosser Schriftsteller. Ein kleiner Kreis von Kollegen hat ihn von jeher hoch gerühmt. Friedrich Dürrenmatt urteilte: "Hohl ist notwendig, [mehr...]wir sind zufällig. Wir dokumentieren das Menschliche, Hohl legt es fest." Und doch ist Hohls Werk unbekannt geblieben.
Der Suhrkamp Verlag bereitet Hohls Gesamtwerk vor. Als Wegbereiter dieser Ausgabe erscheint eine von Hohl 1970 neu revidierte Ausgabe der Erzählungs-Sammlung 'Nächtlicher Weg'. Der Band enthält neun Erzählungen, die von Suchenden sprechen, von Menschen, die, erschöpft, gelähmt und aus der Gesellschaft ausgestossen, doch auf dem Weg zu sich selbst sind.

Max Frisch über Ludwig Hohl "Ein Werk, angelegt vor dreissig Jahren, vor dem Zweiten Weltkrieg, oder literarisch datiert: vor dem Kafka-Ausbruch, vor so manchem Klassiker-Wechsel, vor der posthumen Krönung eines Wittgenstein, vor den Sprachexperimenten, die heute zur Pflichtlektüre jedes Mittelbegabten gehören, und vor der Ausrufung der 'Texte', dabei kein prophetisches Werk, also nicht posthum-aktuell, weil die Zeitgeschichte es bestätigt, aber virulent jetzt wie vor Jahrzehnten und lesbar, als wäre es jetzt entstanden, abseitig-gegenwärtig, 'unberühmt', aber vorhanden, als Sprache akut, ich denke, das ist Rang."[zuklappen]

 

Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung I-XII. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2014, 831 Seiten;
zur Bestellung

Die Notizen – das Werk eines "Montaigne unserer Zeit" – wurden im Laufe von drei Jahren geschrieben, von 1934 bis 1936, während denen Ludwig Hohl in Holland "in grösster geistiger Einöde" lebte. 1944 [mehr...] erschien der erste Band, 1954 der zweite. Der Verlag legt – dem Druck der zweibändigen Ausgabe folgend – das seit langem nicht mehr greifbar gewesene Werk in einem Band vor und entspricht auf diese Weise dem letzten Wunsch des Autors. Ungeachtet des schnellgewogenen Zeitraums der Entstehung von drei Jahren ist es die Summe eines ganzen Lebens und Denkens. Die Öffentlichkeit, für die Ludwig Hohl zu den Fremden zählte, versuchte schliesslich nachzuholen, was versäumt wurde: 1978 wurde Hohl der Robert Walser-Centenar-Preis, 1980 der Petrarca-Preis verliehen.
"Hohls Sätze können Kerker spalten; aber wenn der Kerker die liebe Gewohnheit, die mühsam zusammengebaute Person ist, tun sie auch weh", so schreibt Adolf Muschg. Die Kraft, von der hier die Rede ist, entsteht durch die Intensität der Annäherung an alles, was Hohl sich zu sagen und zu denken aufgibt. Vor allem aber ist es der Vorgang des Denkens, der hier transparent gemacht wird; ein Denken, das Hohl als Arbeiten begreift.
"Wer wirklich arbeitet, kann nicht mehr aufhören zu arbeiten", sagt Heraklit, und Hohl zitiert dieses Wort. "'Arbeit' und 'Arbeiten sind wohl die eigentlich zentralen Begriffe in Hohls Werk … das eigentlich Rettende in der Not der Existenz, das Heilsmittel menschlicher Entfaltung und Verwirklichung.
Dieser Mann schrieb nicht, um Literatur zu produzieren, auch nicht um sich selbst, seine Phantasien, Ängste und Obsessionen 'auszudrücken' – nein, hier war einer, der das Schreiben betrieb als Mittel, das Leben zu bewältigen durch Erkenntnis .. praktizierte mit seinem Schreiben ähnlich radikal wie Kierkegaard eine Lebensselbsthilfe, die in dem genauen Mass ihres Gelingens umschlägt in – und den Leser erreicht als – Lebenshilfe, und das heisst als fordernder Hinweis auf andere, bessere Möglichkeiten eigenen Lebens." Alexander J. Seiler
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Dass fast alles anders ist. Frankfurt a.M., Suhrkamp, 1984. 132 S. (vergriffen)


Diese Traumnotizen, essay-artiger [sic.] Betrachtungen und Erzählungen, sind der Hauptteil eines Werks, an dem Ludwig Hohl seit über zehn Jahren arbeitet.
Die zweiundvierzig Texte fügen sich bei fortschreitender Lektüre zu einem Ganzen, das seinerseits nichts weniger sein will [mehr...] als Teil eines "work in progress". Es gibt bei Ludwig Hohl keine Trennlinien, nicht den "Essayisten" Hohl oder den "Erzähler". Seine Sprache ist das Zögern, das Differenzieren, das Nochmals-Ansetzen. Er traut der Sprache wenig und alles zu. Alles: es gibt für ihn keine andere Möglichkeit zu erkennen als durch Schreiben. Und wenig: Ludwig Hohl gibt vor allem Auskunft über seinen elementaren Zweifel. Es ist der Zweifel an der Realität und an den Wörtern, die diese Realität beschreiben wollen.
Ludwig Hohl zeigt Einzelteile aus einer schwer beschreibbaren Welt, vereinzelte Spitzen, die Hohl aus einem Meer von zwar Unsagbarem, aber Zusammenhängendem fassen kann. Er ist sich bewusst, dass er das verfolgte Bild nie endgültig stellen kann. Denn er weiss, "dass fast alles anders ist." [Umschlagtext der Erstausgabe im Walter-Verlag, 1967]

"Dass fast alles anders ist, als fast alle Menschen, fast immer, es sich vorstellen", war Hohl so bewusst wie die Unmöglichkeit wesentlicher Erkenntnis und Fixierung durch die Sprache und wie die dennoch notwendige, ständige Bemühung und Annäherung. Was er schrieb, nach langer gedanklicher Vorarbeit, in einer Vollkommenheit, die das Ergebnis von Askese und Selbstkontrolle war, ist, mag es Notiz, Erzählung, Essay, Analyse, Meditation, Traumprotokoll sein, Teil eines diesem Lebensziel gewidmeten Work in Progress.
Der vorliegende Band, der im Jahr, da Hohl achtzig Jahre alt geworden wäre, zum zweiten Mal aufgelegt wird, enthält die Stücke, die der Autor nach strenger Auslese 1967 zur Publikation freigab. Gemäss seiner Absicht sollten sie in ein Werk mit dem Titel Von den hereinbrechenden Rändern eingehen.
"Wenn ein Mensch unvoreilig zur Versöhnung gelangt, unvoreilig: das heisst offenen Auges, bei voller Kenntnis unserer Bedingungen und der grauenerregenden Tatsachen der Wirklichkeit – dann sieht er das Reale." [Klappentext der Neuausgabe in der Bibliothek Suhrkamp]


"Vom Aufzeichnen der Träume"
nach Texten von Ludwig Hohl
(Hörspiel Schweizer Radio und Fernsehen)


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Bergfahrt . Suhrkamp Verlag, Berlin, 2014, 96 Seiten;
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Hohls Bergfahrt, eine Erzählung, die er 1926 begann, bis 1940 sechsmal neufasste, dann mehr als dreissig Jahre liegenliess, ehe er ihr die gültige Gestalt gab, ist innerhalb seines Werks in ähnlicher Weise [mehr...] wesentlich wie etwa Der alte Mann und das Meer im Oeuvre Hemingways. Eine Prosa, die nichts anderes zu sein scheint als eine sich zum genauesten Ausdruck zwingende, realistische Erzählung und die doch mit jeder Aussage über sich hinausweist, Parabel ist.

Zwei junge Männer planen eine Bergbesteigung, der eine, tüchtige, blickt auf zum Ziel, dem Gipfel, und sieht "ein sehr grosses Schiff, das nicht in ein Erdenmeer nur, das in die Ewigkeit hineinführt". Der andere, unentschlossene, ist nur Mitgänger. Nach einigen Wechselfällen gibt er auf und kehrt zurück. Der Gipfelstürmer setzt den Anstieg im Alleingang fort und beginnt, oben angelangt, ein langes, von ihm in allen Stationen und Steigerungen bewusst erlebtes, geradezu bedachtsam vollzogenes Sterben. Der Mutlose begegnet seinem, einem raschen Tod, als er, bereits wieder im Tal, aus Unvorsicht in einen Wildbach stürzt. Die Bitte Rilkes nach dem angemessenen, dem "eigenen" Tod ist abgewandelt: der Tod ist die Korrektur des allzu einseitigen Lebens, er vertauscht die Rollen der Protagonisten. "… und die vielleicht unsinnige Frage taucht auf, ob sie nicht, wenigstens in kleinem Masse, dasselbe hätten tun können – im Leben."

Ludwig Hohl […] liess sich nie von der Erwägung leiten, "ob etwas kompliziert und neu aussehe und dichterisch genug für gewisse Leute … Es kam mir auf etwas ganz anderes an: vielleicht den Hitzegrad; oder den Härtegrad. Was wird der gute Leser verlangen? Er wird danach fragen, ob der Autor das festgehalten hat, von dem er meinte, dass kein anderer es schreiben könne, oder: ob er ihm etwas mitbringt von seiner besonderen Reise, und wenn es auch das kleinste wäre." […]
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Von den hereinbrechenden Rändern/Nachnotizen . 2 Bände. Hrsg. v. Johannes Beringer und Hugo Sarbach. Frankfurt a.M., Suhrkamp, 1986. 440 S. Text, 203 S. Anmerkungen. (vergriffen)

Das aus dem Nachlass herausgegebene Werk Von den hereinbrechenden Rändern. Nachnotizen entstand in den Jahren 1937 bis 1951. Seither und bis zu seinem Tod gab Ludwig Hohl die Arbeit daran nicht auf. Seltene auszugsweise Veröffentlichungen zu früherer Zeit [mehr...] in Zeitschriften und Zeitungen oder in Buchform taten kund, dass es ein Werk dieses Titels gab; doch je mehr Jahre vergingen, um so ungewisser, ja legendenhafter wurde seine Existenz für die Mitwelt.

Hohl notierte auf Zetteln, Blättern, auch auf dem, was an Papier, was an Freiraum zur Verfügung stand: Ideen, Versuche, Worte, Maximen, Details, Porträts, Beobachtungen. Um einen Gedanken festhalten zu können, eine Empfindung, eine Idee, eine spontane Einsicht, bedurfte es zunächst eines schnellen, ja flüchtigen Notierens. Eine solche Verfahrensweise hatte den nicht enden wollenden Arbeitsprozess zur Folge.

Diese Schriften – so schrieb Hohl und bezog die Äusserung auf Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung – seien sein wichtigstes Werk; und er lebte in panischer Sorge vor ihrer Vernichtung durch Krieg, Armut, Feuer. "Ich gehe aus, schwenke um eine Ecke, schaue in die Leere der Stadt, in die Unendlichkeit der Welt, denke an das Einzige …, – und werde plötzlich von zu grosser Angst erfasst: Was geschieht, wenn Brand ausbricht?? …" Damals lebte Hohl noch in Holland, sein Haus war eine Baracke aus Holz. Schon damals, und dies für den Fall seines Todes, wünschte sich Ludwig Hohl für sein Werk einen guten Leser, der möglichst in seinem Sinne verfahre; der nicht weglasse, "was das Lebendigste ist". Was für Die Notizen gilt, gilt auch für das ihnen folgende Werk der Nachnotizen, von dem Ludwig Hohl als von seinem "zweiten Hauptwerk" sprach. [Klappentext]

Die Literatur hat ihre eigenen Instanzen, für jede Sparte, welche zum Aussuchen – was den Aphorismus, das Fragment angeht, so sind die Vorbilder in unserer Zeit selten geworden. Würde und Erfordernisse eines Schreibens, das auf Gesammelte Werke verzichtet, um sich dem Sprachdenken, Sprachleben anzuvertrauen, wie es im fortwährenden Prozess eines entwerfenden, sich korrigierenden, endlosen Sich-selbst-produzierens gleichsam ohne Autor geschieht, für ein so unpersönliches Heldentum fehlt uns heutzutage das Gespür. Trotzdem sind solche Instanzen vorhanden, beispielsweise der 1980 im Alter von sechsundsiebzig Jahren verstorbene Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl […]. Hohls Arbeitsweise ist eine, die Gott und die Welt notierend, kritisierend, kommentierend, Nachdenken bildet, ein work in progress, das Spontaneität und philologische Gründlichkeit miteinander verbindet. […] In seiner Vorläufigkeit kommt es […] am besten durch Abdruck des Rohmaterials in seinen verschiedenen Zuständen zum Ausdruck. Die Suhrkamp-Ausgabe dieser Nachnotizen, wie das Nachlasswerk im Untertitel heisst, trägt dem Rechnung, indem sie die 586 Stücke samt Hohls Kommentaren und Varianten zum Ausdruck bringt. Der Reiz besteht darin, dass der Leser gleichsam ins arbeitende Hirn dieses Denkers aus Leidenschaft versetzt wird. In keinem anderen Bande Hohls kann man seine Muse auf dem Sprung, aber auch das Bohrende, manchmal Quälende seines Reflektierens aus solcher Nähe mitvollziehen, miterleben; die Lektüre wird zum Gedankenlesen, man kommuniziert gleichsam mit dem Ursprung eines Denkens, das sich unverstellt preisgibt. [Rezension von Gerd Henninger in: Neue Deutsche Hefte, Heft 4, 1986, S. 829f.] [zuklappen]

 

Und eine neue Erde . Erzählungen. Hrsg. v. Johannes Beringer. Frankfurt a.M., Suhrkamp, 1990. 156 S. (vergriffen)

Diese Ausgabe der frühen Prosaarbeiten Und eine neue Erde vereinigt Erzählungen, Impressionen und epische Skizzen aus den zwanziger und dreissiger Jahren von Ludwig Hohl. Die Prosastücke sind geprägt von der noch jugendlich intensiven [mehr...]Selbstsuche des Dichters, der Züge von Selbstherrlichkeit und Selbstzweifel, Emphase und Zurückhaltung, Eigensinn und Beharrlichkeit eigen sind. Aber es zeichnet sich bereits der für Hohl so typische Denk- und Schreibprozess ab: Das Begriffliche ringt mit dem Anschaulichen – der Versuch einer genauen Detailbeobachtung mündet in ein sich ständig korrigierendes Schreiben. Hohls Ziel ist es hier – im Übergang von Impression und Bericht zu Prosastück und Erzählung –, einen Eindruck oder Vorgang so zu kondensieren, dass etwas Essentielles zum Ausdruck kommt und die konzentrierte Sprachhaltung Wesentliches erfasst. Die sich in den Texten andeutende existenzielle Krise – am eindrücklichsten in der Titelerzählung Und eine neue Erde – scheint die Richtung von Hohls zukünftiger Produktion anzudeuten: Auch sein Schreiben musste existenziell werden, indem es sich ganz in die "erleidende Beispielhaftigkeit" der eigenen Subjektivität versenkte und sie zum "äussersten und allein noch gültigen Objekt seiner Darstellung (Helmut Heissenbüttel) machte.

Als Zwanzigjähriger kehrte er der Enge der Schweizer Verhältnisse den Rücken und ging nach Paris. Bereits in diesem Alter verstand er sich als Schriftsteller: Fast obsessiv protokollierte er etwa ab 1926 Grossstadteindrücke, flüchtige Augenblicke, Begegnungen, aber auch – auf weiteren Reisen – Erfahrung von Landschaft, Meer und Gebirge. Zwar sah Hohl später in diesen Impressionen, Berichten und Chroniken "nur ein dunkles Ringen" – doch legte solches Festhalten gleichwohl die Grundlage zur Festigung von Ansichten, war Humus für Späteres. Sein Schreiben, das die zunächst noch überwältigende Trennung von Innen und Aussen zu überwinden suchte, musste sich gegen den "Ernst des Lebens" behaupten, wenn es selbst ernsthaft und zugleich lebendig sein wollte. [Klappentext]
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Mut und Wahl . Aufsätze zur Literatur. Hrsg. v. Johannes Beringer. Frankfurt a.M., Suhrkamp, 1992. 204 S. (vergriffen)

Nach seinem Holland-Aufenthalt, von 1931 bis 1937, in die Schweiz zurückgekehrt, versuchte Ludwig Hohl seine Subsistenz auch mit Zeitungsbeiträgen abzusichern. Die eben niedergeschriebenen Nuancen und Details und Die Notizen waren in diesem Sinne wahre Fundgruben: [mehr...] Während des "Auswählens, Anordnens, Eliminierens" bot sich Gelegenheit, Bruchstücke herauszulösen und in die "Zeitungsarbeit" einfliessen zu lassen. Einer Aufforderung von Manuel Gasser, Redakteur der 'Weltwoche', nachkommend, schrieb Hohl zudem 1939 erstmals einige Buchrezensionen – nicht ohne Gasser darauf aufmerksam zu machen, dass er "nie anders als ungemein langsam schreibe": Diese Arbeiten – über die Gedichte von Karl Kraus, die Briefe von Cézanne, über ein Buch von Katherine Mansfield, eine Lichtenberg-Monographie, über Kleist und das Journal von André Gide – werden hier zum ersten Mal zusammengefasst vorgestellt. Zwei Aufsätze zu Albin Zollinger, unmittelbar unter dem Eindruck von dessen Tod 1941 geschrieben, ein autobiographischer Text von 1954 und eine Stellungnahme von 1972, "Das Engagement des Schriftstellers", ergänzen den Hauptteil des Buches. "Für den Dichter gilt: die äussere Spannung (die Spannung mit dem Umgebenden) wird immer grösser, die Versöhnung, die hat er in sich selbst." Ludwig Hohl exemplifiziert in seinen literarischen Aufsätzen seine Arbeitshaltung, sein Verständnis des künstlerischen Tätigseins. "Vergiss nicht, die Arbeit ist unser Leben", ruft er Zollinger zu; Lichtenberg bescheinigt er "Tiefe und Schärfe zugleich"; bei Kleist sei das Tragische nicht Hinzutretendes, sondern unzertrennbar Verbundenes, ja die Bedingung des Schöpferischen.

Die im Anhang gesammelten "Texte und Materialien" sollen etwas von dem sichtbar machen, was sonst verborgen bleibt: den "Sockel", auf dem das stärker Bearbeitete und definitiver Gefasste steht. Also Vorläufiges, Projektiertes, Skizziertes, aber auch Ergänzendes und Weiterführendes – denn Hohls Interesse ging stets über den konkreten Anlass der Rezension hinaus. Seine Beschäftigung mit Literatur heisst also immer auch, das Eigene in dem (wieder-)finden, was ein anderer hervorgebracht hat, sine Eigenheit im Fremden variiert und bestätigt sehen.

In diesem Sinne geben die Texte Einblick in so etwas wie eine Autobiographie des Lesens und Schreibens – sind sie Fundstücke für eine Art Biographie von Ludwig Hohls Ideen. [Klappentext]
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Jugendtagebuch . Hrsg. v. Hugo Sarbach. Nachwort v. Pia Reinacher. Frankfurt a.M., Suhrkamp, 1998. 219 S. [Mit einer Zeittafel zu Ludwig Hohl.] (vergriffen)

Ludwig Hohls Jugendtagebuch ist das Dokument einer ungewöhnlichen Ich-Werdung, ist ein "Schlüsselbuch" zum Verständnis eines grossen Suchers, eines modernen Klassikers der Schweizer Literatur. [Umschlag Rückseite]

Das Tagebuch eines Siebzehnjährigen [mehr...] – etwas ganz Aussergewöhnliches, Spannendes, Kostbares, Seltenes. Ludwig Hohl jedenfalls hat, als Siebzehnjähriger, zwischen Juli 1921 und Mai 1922 ein Tagebuch geführt, dessen Entstehung vermutlich eine Lebenskrise ausgelöst hat. Was Hohl hier notiert, ist in vielem exemplarisch für einen Heranwachsenden (z.B. die Auseinandersetzung mit dem Vater und der Familie, mit Mitschülern und Lehrern und die dabei tiefempfundene Existenzunsicherheit), wirft jedoch auch ein interessantes Licht auf das "Erwachen" eines Literaten, der – angesichts seines seelischen Vakuums – Überlebensstrategien zu entwickeln hat, die deutliche Spuren in Hohls einzigartigem Werk hinterlassen.

"Es ist eine der ersten und beeindruckendsten Leseerfahrungen", schreibt Pia Reinacher, "die man mit Hohls Jugendtagebuch macht: Der Jugendliche, der noch kaum weiss, wer er ist, trägt bereits in sich, was den grossen Schriftsteller und Philosophen sein Leben lang vorantreiben wird …: die Lust an der äussersten Einsamkeit und an der Erkundung der Grenzen physischer und psychischer Leistungsfähigkeit. Dieser 17jährige ist schon jetzt ein Grenzgänger, ein Grenzgänger zwischen Zivilisation und Wildnis." [Klappentext]
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Aus der Tiefsee. Paris 1926. Hrsg. von Ulrich Stadler. Frankfurt a.M., Suhrkamp, 2004. 339 S.

Mitternachtsgesellschaft sollte der Roman heissen, den Ludwig Hohl über das Bohèmeleben im Paris der zwanziger Jahre schreiben wollte. Träumer, Trinker, Schnorrer, verkannte Literaten, Künstler, die unterhalb der Armutsgrenze leben, sich allabendlich in immer denselben Cafés, Restaurants und Bars [mehr...]am Montparnasse treffen und von dort aus ihre Streifzüge in die übler beleumundeten Viertel antreten – Ludwig Hohl war als Beobachter unter ihnen. In Heften, die in seinem Nachlass gefunden wurden, schildert er die nächtlichen Pariser Begegnungen mit klarem Blick, zuweilen auch ironisch und sarkastisch, und bekundet dabei ein aussergewöhnliches Gespür für Menschliches, Zwischenmenschliches, Allzumenschliches. Ein geschlossener Roman ist nie daraus geworden. Hohls Vorsatz, beim Schreiben stets die Übersicht behalten zu wollen und Autobiographisches auszuklammern, wird bald hinweggefegt: Was ihm zustösst, überfordert ihn, sprengt sein erzählerisches Ich, verweigert sich der konventionellen Romanform.

Aus der Tiefsee gibt Einblick in die Atmosphäre im Paris der zwanziger Jahre und in die Seelenlandschaft eines jungen Autors, seine unbedingte Wahrheitsliebe, seine Wünsche und Ängste, seinen moralischen Rigorismus, der immer wieder Schiffbruch erleidet, und in seine besondere Auffassung von Sünde. [zuklappen]

 

Ludwig Hohl. „Es ist schwer, so ins Dunkle zu reden ". Briefe an Isak Grünberg 1930-1937. Hrsg.v. Rudolf von Bitter. Wädenswil, Nimbus, 2011. 131 S.

Ludwig Hohl gehört zu den markantesten Aussenseiterfiguren der Schweizer Literatur im 20. Jahrhundert: Für seine Existenz [mehr...] steht das Bild des Autors, der jahrzehntelang in einem Genfer Kellerzimmer haust und seine Manuskripte an einer Wäscheleine aufhängt. Aus seinen Anfängen hingegen weiss man wenig. Die Pariser Aufzeichnungen aus dem Jahr 1926, die 2004 erstmals publiziert wurden, zeigten Hohl hauptsächlich im Kreis einer kleinen Schweizer Kolonie in Paris, die ein Bohème-Leben in Cafés und Bars führt. Über prägende literarische Einflüsse hingegen findet sich nichts. Als Hohl Paris im Jahr 1930 verlässt, um sich zunächst in Österreich, dann in Den Haag seinem Hauptwerk, den "Notizen", zu widmen, reissen die Informationen weitgehend ab.

In diese bedeutsame Zeit bringt ein Konvult von Briefen Licht, das in Edinburgh in einem sprichwörtlichen Emigrantenkoffer gefunden wurde: Gerichtet sind sie an Isak Grünberg (geb. 1897 in Tarnopol, Galizien, gest. 1953 in Nizza), der – sieben Jahre älter als Hohl – sich in literarischen Kreisen bereits etabliert hatte. Von Paris aus unterhielt er Kontakte zu deutschsprachigen Zeitungen und übersetzte Célines Aufsehen erregenden Roman "Voyage au bout de la nuit". Zu seinen Freunden zählte der jiddische Autor Oser Warszawski (geb. 1898 Sochaczew – gest. 1944 Auschwitz), der bereits mit Romanen hervorgetreten war und für Hohl ebenfalls zu einer wichtigen Figur wurde. Die Briefe an Grünberg zeigen Hohl in ebenso unvermuteten wie prägenden Beziehungen und erlauben erstmals einen Einblick in jene Jahre, als er in Den Haag seine eigene Form zu finden begann.
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